Das Gaslicht in der kleinen Werkstatt flackerte unruhig, als Carl Kirschten im Frühjahr 1896 die letzte Seite des Geschäftsplans umschlug. Vor ihm auf dem Tisch lagen Muster von Fotoplatten aus Frankreich und England. Sie waren gut, zweifellos. Aber sie waren teuer, langwierig im Import und oft unzuverlässig in der Qualität, wenn sie endlich im thüringischen Eisenberg eintrafen.
Carl blickte auf das Porträt seines Vaters Otto Kirschten, das an der Wand hing. Ein Mann von hanseatischer Strenge, aber mit einem untrüglichen Sinn für den Fortschritt. „Wer das Licht der neuen Zeit einfangen will, darf nicht warten, bis andere es ihm verkaufen“, hatte Otto immer gesagt. Er war vor Kurzem verstorben, doch sein Name sollte fortleben. In Carls Kopf stand der Entschluss fest: Er würde eine Fabrik gründen. Und sie würde den Namen seines Vaters tragen.
„Es ist ein Wagnis, Carl“, sagte seine Frau Marie, die mit einem Tablett heißem Kaffee das Zimmer betrat. „Die Fotografie ist noch immer ein Handwerk für Exzentriker und wohlhabende Herren. Glaubst du wirklich, dass eine Fabrik in unserer kleinen Stadt davon leben kann?“
Carl stand auf und trat ans Fenster, von dem aus man auf das unbebaute Grundstück am Rande von Eisenberg blicken konnte. „Es ist kein Handwerk mehr, Marie. Es wird eine Industrie. Die Fotografen in Jena, Weimar und Leipzig verlangen nach immer besseren, schnelleren Platten. Wenn wir das Bromsilber feiner dosieren und die Gelatine gleichmäßiger auf das Glas bringen als die Konkurrenz, dann gehört uns die Zukunft.“
Die Wochen vor dem 1. Mai 1896 waren eine Zeit des kollektiven Schlafmangels. Carl hatte erfahrene Glasmacher aus der Region und junge Chemiker aus den Universitätsstädten um sich geschart. Das größte Problem war der Staub. Für die Herstellung der neuen Trockenplatten war absolute Reinheit erforderlich – jedes noch so kleine Staubkorn auf der Emulsion bedeutete einen schwarzen Flecken auf dem späteren Foto.
Am Tag vor der offiziellen Gründung stand Carl mit seinem ersten Werkmeister, Johannes, in der neu errichteten Gießhalle. Die Luft war feucht und roch intensiv nach warmer Gelatine.
„Morgen früh gießen wir die erste offizielle Charge, Herr Kirschten“, sagte Johannes stolz und klopfte auf die kupfernen Rührwerke. „Die Maschinen laufen fehlerfrei. Aber wie wollen wir die Platten nennen? Kirschtens thüringische Bromsilber-Platten?“
Carl lächelte und schüttelte den Kopf. Er dachte an die Kisten, die bald per Eisenbahn in alle Teile des Deutschen Kaiserreiches und darüber hinaus rollen sollten. Es musste kurz sein. Prägnant. Ein Qualitätsversprechen.
„Wir nennen sie O.K. Platten“, sagte Carl. „Otto Kirschten. Und wenn die Fotografen sie benutzen, sollen sie sagen: Die Qualität ist O.K.“ (Dass „O.K.“ im Englischen bereits für „Alles bestens“ stand, war ein genialer Marketing-Nebeneffekt, den Carl schmunzelnd in Kauf nahm).
Als am 1. Mai 1896 die Schornsteine der Eisenberger Trockenplattenfabrik zum ersten Mal rauchten, ahnte noch niemand, dass hier gerade der Grundstein für ein weltweit exportierendes Unternehmen gelegt wurde. Doch als Carl am Abend die allererste, perfekt getrocknete Glasplatte im roten Licht der Dunkelkammer begutachtete, wusste er: Das Licht der Zukunft hatte in Eisenberg ein neues Zuhause gefunden.